Körper Hirn Verbindung
Behind the comic
Was erforscht ihr - in einem Satz?
Wir untersuchen, wie Signale aus dem Körper, zum Beispiel Herzschlag und Atmung, mit dem Gehirn zusammenwirken und dadurch beeinflussen, wie wir die Welt wahrnehmen und mit ihr interagieren.
Was zeigt der Comic?
Unser Comic nutzt Stress in Verbindung mit körperlicher Aktivität, um zu zeigen, dass Gedanken und Gefühle nicht allein im Gehirn entstehen. Wir zeigen, wie dieselbe Person einen Bus an zwei Tagen unterschiedlich erleben kann – je nachdem, in welchem Zustand ihr Körper ist. An einem Tag können Geräusche, Bewegung und Gedränge gut zu bewältigen sein. An einem anderen Tag, wenn die Person müde, angespannt, hungrig oder gestresst ist, kann derselbe Bus überwältigend oder bedrohlich wirken.
Das liegt daran, dass das Gehirn ständig mit dem Körper im Austausch steht. Es verarbeitet nicht nur die Außenwelt, sondern erhält auch Signale aus dem Körperinneren und nutzt sie, um Situationen einzuordnen. Wenn der Körper unter Stress steht, bereiten Hormone wie Cortisol und Adrenalin ihn auf Handlung vor: Aufmerksamkeit, Herzschlag und Energiebereitstellung steigen. Das kann hilfreich sein, kann aber auch dazu führen, dass Alltagssituationen intensiver wirken.
Auch andere Organe senden Informationen an das Gehirn. Herz, Darm, Immunsystem und Hormone prägen mit, wie wir fühlen, denken und reagieren. Dieses Zusammenspiel von Körper und Gehirn besser zu verstehen, kann helfen, körperliche und psychische Gesundheit gemeinsam zu betrachten.
Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse stützen eure Aussage?
Die Forschung weist auf eine einfache, aber wichtige Idee hin: Gefühle entstehen nicht im Gehirn allein. Gehirnregionen, die Herzschlag, Atmung und andere Körperfunktionen regulieren, bilden das zentrale autonome Netzwerk. Dieses überschneidet sich mit Systemen für Emotionen, Aufmerksamkeit und die Einschätzung dessen, was gerade wichtig oder bedeutsam ist. Schaltkreise, die den Körper im Gleichgewicht halten, tragen auch dazu bei, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen.
Studien aus unserem Labor passen zu diesem Bild. Mit wechselnder Intensität und unterschiedlichen „Färbungen“ von Emotionen verändert sich das Gleichgewicht zwischen Körper und Gehirn. Wenn Gefühle besonders stark sind, scheint der Körper dem Gehirn mehr mitzuteilen als umgekehrt.
Einsamkeit zeigt, was passieren kann, wenn dieses Gleichgewicht gestört ist. Sie schmerzt nicht nur emotional; Isolation kann auch die normale körperliche Regulation stören. Solche körperlichen Veränderungen können auf das Gehirn zurückwirken, soziale Signale bedrohlicher erscheinen lassen, Rückzug fördern und Wiederannäherung erschweren. Insgesamt sprechen diese Befunde dafür, dass Wahrnehmung, Gefühle und Entscheidungen aus einem fortlaufenden Dialog zwischen Körper, Gehirn und Umwelt entstehen.
Welche Missverständnisse und Grenzen gibt es?
Forschung zur Körper-Gehirn-Interaktion sollte nicht so verstanden werden, als würde der Körper allein bestimmen, was wir denken, fühlen oder tun. Körpersignale sind wichtig, aber sie sind nur ein Teil eines größeren Zusammenspiels, zu dem auch das Gehirn, persönliche Erfahrungen, soziale Zusammenhänge und die Umgebung gehören.
Ein mögliches Missverständnis ist, dass dieselben Körpersignale immer zu derselben emotionalen oder verhaltensbezogenen Reaktion führen. Tatsächlich kann derselbe körperliche Zustand von verschiedenen Menschen unterschiedlich erlebt werden – oder von derselben Person in verschiedenen Situationen. Ein schneller Herzschlag kann sich zum Beispiel in einem Kontext aufregend und in einem anderen beängstigend anfühlen.
Wir meinen auch nicht, dass psychische Gesundheitsprobleme nur durch den Körper erklärt werden können oder dass Menschen ihre Gefühle einfach „kontrollieren“ können, indem sie Körpersignale kontrollieren. Die Kommunikation zwischen Körper und Gehirn ist komplex, und viele Mechanismen werden noch erforscht. Die Ergebnisse zeigen daher eher, wie Körper und Gehirn zusammenarbeiten, als eine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung.
Welche Fragen sind noch offen?
Die Forschung zu Körper-Gehirn-Interaktionen ist in den letzten zehn Jahren stark gewachsen, doch viele Fragen sind noch offen. Wir wissen inzwischen, dass das Gehirn ständig Signale aus Herz, Lunge, Darm und anderen Organen erhält. Diese Signale beeinflussen, wie wir die Welt wahrnehmen, wie wir uns fühlen und wie wir Entscheidungen treffen. Noch unklar ist aber, wie diese Kommunikation von Moment zu Moment genau verarbeitet wird.
Eine weitere zentrale Frage ist, warum sich die Kommunikation zwischen Körper und Gehirn von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation unterscheidet. Manche Menschen nehmen Signale aus dem Körperinneren stärker wahr, andere weniger. Solche Unterschiede könnten erklären, warum Menschen dieselbe Situation verschieden erleben.
Eine weitere wichtige Frage ist, wie Veränderungen in der Körper-Gehirn-Kommunikation mit Gesundheit zusammenhängen. Bei manchen Erkrankungen fällt es Menschen schwer, innere Körpersignale genau wahrzunehmen; andere richten ihre Aufmerksamkeit sehr stark darauf. Beides kann Gefühle, Gedanken und Wohlbefinden beeinflussen. Diese Prozesse besser zu verstehen, kann helfen, körperliche und psychische Gesundheit stärker zusammenzudenken.
Wie könnte das die Medizin der Zukunft beeinflussen?
Dieselbe Situation kann sich sehr unterschiedlich anfühlen, je nachdem, in welchem Zustand der Körper ist. Diese Idee könnte für die Medizin der Zukunft wichtig werden. Wenn Forschende besser verstehen, wie Körper und Gehirn kommunizieren, lässt sich auch besser erklären, warum Stress, Müdigkeit, Atmung, Herzaktivität, Hormone oder andere Körpersignale verändern können, wie wir fühlen, denken und reagieren.
Künftig könnte dieses Wissen helfen, die Versorgung persönlicher zu gestalten. Ärzt*innen und Therapeut*innen würden dann nicht nur auf Symptome schauen, sondern auch darauf, wie Körper und Gehirn im Alltag zusammenwirken. Es könnte außerdem zur Vorbeugung beitragen, indem frühe Warnzeichen erkannt werden, bevor Probleme stärker werden.
Für Sie als Leserin oder Leser ist die Botschaft auch praktisch: Der Körper ist nicht nur ein passiver Behälter für das Gehirn. Schlaf, Bewegung, Stress, Atmung, soziale Verbundenheit und körperliche Gesundheit können unser mentales Leben beeinflussen. Das heißt nicht, dass man sich aus einer Krankheit einfach „herausdenken“ oder „herausatmen“ kann, kann aber helfen, sich selbst besser zu verstehen.
Welche gesellschaftlichen Fragen entstehen daraus?
Eine Chance besteht darin, dass die Gesundheitsversorgung sensibler für die Verbindung zwischen körperlichem Zustand und mentalem Erleben werden könnte. Das könnte frühere Unterstützung und persönlichere Versorgung ermöglichen, besonders wenn emotionale Belastung und körperliche Anspannung einander beeinflussen.
Gleichzeitig muss diese Forschung sorgfältig eingeordnet werden. Sie sollte nicht zu der Vorstellung führen, Menschen seien für Krankheiten verantwortlich, weil sie ihren Körper nicht „gut genug“ reguliert haben. Die Kommunikation zwischen Körper und Gehirn wird von vielen Faktoren geprägt, darunter biologische Voraussetzungen, Umwelt, soziale Bedingungen und der Zugang zu Gesundheitsversorgung. Ziel sollte sein, Menschen zu unterstützen, nicht sie zu bewerten oder ihnen Schuld zu geben.
Auch gesellschaftliche Bedingungen sollten dabei nicht aus dem Blick geraten. Stress, Einsamkeit oder Erschöpfung entstehen nicht nur im einzelnen Körper, sondern oft auch durch Arbeitsbedingungen, soziale Isolation, fehlende Erholung oder mangelnde Unterstützung. Die Forschung kann daher helfen, nicht nur individuelle Strategien zu stärken, sondern auch die Bedeutung unterstützender Umgebungen sichtbar zu machen.
Wie erforscht ihr dieses Thema?
Um zu untersuchen, wie Gehirn und Körper zusammenarbeiten, kombinieren wir Methoden aus Neurowissenschaft, Psychophysiologie und experimenteller Psychologie. In unseren Studien bearbeiten Teilnehmende Aufgaben, die Emotionen oder soziale Erfahrungen hervorrufen sollen, zum Beispiel Einsamkeits- oder Stressszenarien. Sie können auch einfache Handlungen ausführen oder Wahrnehmungsentscheidungen treffen, etwa beurteilen, ob ein Bild eher nach links oder rechts geneigt ist. In manchen Fällen nutzen wir virtuelle Realität (VR), um realistischere und alltagsnähere Situationen zu schaffen.
Während die Teilnehmenden diese Aufgaben bearbeiten, messen wir gleichzeitig Gehirn- und Körperaktivität. Je nach Fragestellung erfassen wir die Gehirnaktivität mit Verfahren wie Elektroenzephalografie (EEG) oder funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT). Gleichzeitig messen wir körperliche Reaktionen wie Herzaktivität mittels Elektrokardiografie (EKG), Atmung und weitere Marker der autonomen Regulation, also Vorgänge, die automatisch im Körper ablaufen. Durch die Kombination dieser Messungen können wir untersuchen, wie Gehirn und Körper einander fortlaufend beeinflussen – und damit auch unsere Wahrnehmung, Emotionen und sozialen Erfahrungen.
Wo finde ich mehr zu diesem Thema?
- Brzoska, M. (2026, February 5). Interozeption – Signale aus dem Körperinneren [Audio podcast episode]. In radioWissen. Bayerischer Rundfunk. https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/interozeption-signale-aus-dem-koerperinneren-100.html
- Luerweg, F. (2021, September 22). Interozeption: Signale aus dem Körperinneren. Spektrum der Wissenschaft. https://www.spektrum.de/news/interozeption-signale-aus-dem-koerperinneren/1916227
- Williams, C. (2026, June 19). Your heartbeat quietly shapes how your brain processes information. Science. https://www.science.org/content/article/your-heartbeat-quietly-shapes-how-your-brain-processes-information
- Gerosa, M., Patyczek, A., Reinwarth, E., & Gaebler, M. (2025). The body’s band: How heart and brain communicate. Frontiers for Young Minds, 13, Article 1536787. https://doi.org/10.3389/frym.2025.1536787
- Kwon, D. (2025, December 16). A distorted mind-body connection may explain common mental illnesses. Scientific American. https://www.scientificamerican.com/article/interoception-is-our-sixth-sense-and-it-may-be-key-to-mental-health/
Referenzen
Piejka, A., Wiśniewska, M., Thayer, J. F., & Okruszek, Ł. (2021). Brief induction of loneliness decreases vagal regulation during social information processing. International journal of psychophysiology : official journal of the International Organization of Psychophysiology, 164, 112–120. https://doi.org/10.1016/j.ijpsycho.2021.03.002
Fourcade, A., Klotzsche, F., Hofmann, S. M., Mariola, A., Nikulin, V. V., Villringer, A., & Gaebler, M. (2024). Linking brain–heart interactions to emotional arousal in immersive virtual reality. Psychophysiology, 61, e14696. https://doi.org/10.1111/psyp.14696
Gerosa, M., Haggard, P., Villringer, A., & Gaebler, M. (2026, April 23). Cardio-respiratory rhythms shape when we act and how we experience the outcomes of our actions. Retrieved from osf.io/preprints/psyarxiv/qzs6j_v1
Villringer, A., Nikulin, V. V., & Gaebler, M. (2025). Brain–body states as a link between cardiovascular and mental health. Trends in Neurosciences, 48(10), 766–779. https://doi.org/10.1016/j.tins.2025.08.004
Where it's set
Über das Projekt
Science Streets ist ein Wissenschaftskommunikationsprojekt, das Wissenschaft in den Alltag bringt, indem es Leipzigs öffentliche Räume zu Lernorten macht. Für vier Wochen im August 2026 werden Science-Comics auf Werbeflächen (Litfaßsäulen, City-Light-Postern, Infoscreens, im öffentlichen Nahverkehr usw.) gezeigt. Das diesjährige Thema lautet Neurowissenschaften. Zehn Wissenschaftler*innen und zehn Illustrator*innen werden ausgewählt, um gemeinsam Comics rund ums Gehirn zu gestalten – die Wissenschaftler*innen liefern die Inhalte, die Illustrator*innen setzen diese künstlerisch um.
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